[Rezension] Alessandro D'Avenia - Die Welt ist eine Muschel

grass-harp | Montag, 24. November 2014 | / / |
Belletristik - goodreads
Klappenbroschur, 415 Seiten; btb

Psst, lasst mich euch eine Geschichte erzählen. Bereit? Alles klar. Es war einmal ein unschuldiges, unbekanntes, kleines Büchlein, das aus einer Laune heraus bestellt wurde. Mit der Erwartung, dass der Autor schön schreibt und tolle Geschichten produziert. Ein Buch, das mich über mehrere Wochen begleitet hat, in denen ich mal mehr und mal weniger Lust hatte, es weiterzulesen. Denn die Geschichte ist nicht einfach. Sie handelt von drei Personen, die voller Sehnsucht sind, denen etwas fehlt und die traurig durch das Leben streifen. Ein junger Lehrer, ein Schüler, der seine Leere mit Schabernack zu füllen sucht und ein Mädchen, das von ihrem Vater verlassen wurde. Prof, Julio und Margherita.

Diese drei Figuren sind aber nur Dreh- und Angelpunkte des Romans. Um sie herum scharren sich noch so viele weitere wichtige Figuren, voller kleiner Weisheiten und Träume. Auf manche von ihnen kann man längere Blicke erhaschen, andere huschen nur schnell an einem vorüber. Margheritas Großmutter ist eine von ersteren und war meine Lieblingsfigur in diesem Buch. Sie hat ein Leben voller Liebe, Schmerz und Trauer hinter sich, blickt aber hoffnungsvoll auf jeden nächsten Tag und liebt ihre Enkelin innig. Die Beziehung der beiden hat mich beeindruckt und lächeln lassen, von der Wut auf den verschwundenen Vater bis zum ersten Mal sind alle Gesprächsthemen mit dabei.

Sie lachten, lachten und lachten auf die einfache Weise, die das Leben bereithält, wenn es aufhört, sich allzu ernst zu nehmen.

Alle Figuren erhalten in diesem Buch eine Lektion vom Leben übers Leben. Sie geraten an ihre Grenzen, dann wiederum werden ihnen Grenzen gesetzt. Die Atmosphäre ist düster und traurig und auf manchen Seiten ist die Leere riesig. Aber dann gibt es immer wieder kleine Hoffnungsschimmer, die einen aufatmen lassen und den Druck von der Brust etwas wegnehmen.

Irgendwie ist das Leben genauso, dachte er. Ohne Ordnung, ohne Regeln. Es zerfranst nach allen Seiten. Und es ist verdammt noch mal ohne jeden Sinn für Ästhetik.

Alessandro D’Avenia hat einen sehr besonderen Stil. Er fängt viele kleine Details ein, aus denen man sich als Leser das große Ganze selberzusammensetzen kann. Hier und da lässt er ein paar Ecken frei und man hat die Gelegenheit, sie selber auszumalen. Er schreibt mit dieser typisch italienischen Leichtigkeit, mit schönen, passenden Worten, die man sich einfach auf der Zunge zergehen lassen muss. Als Erzähler mischt er sich ein, kommentiert das Geschehen und spickt seine Erzählung mit vielen kleinen und großen Wahrheiten, in denen ich mich viel zu oft selber wiederfinden konnte.

Wann habt ihr das letzte Mal wach gelegen und an die Reise gedacht, die das Leben für euch bereithält? Wann? […] Der Traum von eurer Zukunft muss euch den Schlaf rauben. Das Leben raubt uns den Schlaf, weil wir Angst davor haben und zugleich dafür brennen, wir wollen es festhalten und ihm seine Versprechen entreißen, doch wir haben Angst davor. Wir haben Angst, dass es uns niederringt, dass es uns enttäuscht, dass wir uns alles nur eingebildet haben. Der Gedanke an die Zukunft muss euch den Schlaf rauben. Ihr habt Angst davor. Das ist ein Zeichen, dass ihr lebt, dass das Leben in euch eindringt.

Von vorne bis hinten ist das Buch eine grandiose Reise, durch die Gedanken, die Generationen und das Leben. Eine Ode an die Sehnsucht, an den bittersüßen Schmerz, das ist dieses Buch. Und gleichermaßen auch ein Lobgesang auf das Leben, eine Geschichte, die einem die Augen öffnet und alle kleinen Unfeinheiten hervorhebt und gleichzeitig so aufpoliert, dass man anfängt, sie als etwas Schönes wahrzunehmen. „Das ist der einzige Grund, weshalb ich schreibe: weil ich das Leben liebe mit all seinen Schatten“, schreibt der Autor in seiner Danksagung. „Wenn diese Seiten nur einen einzigen Leser dazu brächten, es ein wenig mehr zu lieben, genügte mir das.“ Und genau das hat Alessandro D‘Avenia bei mir zustande gebracht.

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