[Graphic Novel] Boulet & Pénélope Bagieu - Wie ein leeres Blatt

grass-harp | Mittwoch, 26. März 2014 | / / / |
Graphic Novel, Contemporary Fiction - goodreads
Softcover, 208 Seiten; Carlsen Verlag
Pénélope Bagieu variiert in WIE EIN LEERES BLATT das klassische Thema einer Heldin mit Gedächtnisverlust auf ebenso wunderbare wie originelle Weise. Die junge Pariserin Eloise kommt eines Abends auf einer Bank zu sich und weiß nicht mehr, wer sie ist. Langsam erforscht sie ihr eigenes, leider viel zu banales Leben, in dem sie sich weder als Geheimagentin noch als Klon ihrer Selbst oder als Verbrecherin entpuppt. Ohne je herauszufinden, was ihr zugestoßen ist, ergreift sie die Chance und beginnt ihr Leben noch einmal neu - wie ein leeres Blatt.
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Ihr kennt das vielleicht, dass ihr euch manchmal fragt, was euch eigentlich zu dem macht, was ihr seid. Was euch von anderen abgrenzt und besonders macht. Die gleiche Frage stellen sich Boulet und Pénélope Bagieu in dieser Graphic Novel, nur dass die Hauptfigur dafür nicht auf eine lange Reise der Selbstfindung geht, sondern ihren Alltag genauer unter die Lupe nimmt.

Die Herangehensweise hat mir sehr gut gefallen. Mit Eloise durch ihr Leben zu forsten und zu gucken, was an ihr außergewöhnlich und besonders ist, war total spannend, brachte aber auch einige Aha-Momente mit sich. Eloise probiert mithilfe ihrer Kleidung und ihrer Bücher mehr über sich herauszufinden, stellt aber schnell fest, dass sie das keinen Schritt weiterbringt, weil sie das anzieht, was es eben in den typischen Läden so gibt, und das liest, was alle anderen auch lesen. Diese Erkenntnis fand ich einerseits traurig, andererseits aber auch ermutigend, mal ein bisschen anders zu sein und gegen den Strom zu schwimmen.

Komischerweise fand ich Eloise trotz ihrer weitgehend fehlenden (materiellen) Identität total sympathisch. Sie ist selbstironisch, experimentierfreudig, weitestgehend optimistisch und total fantasievoll. Während sie versucht, mehr über ihr bisheriges Leben herauszufinden, schleichen sich immer wieder komische Szenarien in ihre Fantasie, wie sie an diesen Punkt gekommen sein könnte. Ob nun als ehemalige Geheimagentin oder von einem Irren verfolgte Frau – Eloises Kopfkino ist reich an Fantasien, bei denen ich oftmals laut auflachen musste.

(c) 2013 by Pénélope Bagieu

Diese Fantasien – sowie der Rest der Graphic Novel – sind zeichnerisch wunderbar umgesetzt. Besonders gut gefallen hat mir Eloises Mimik. Wie sie ihr Gesicht verzieht, ist komisch und süß, gibt aber gleichzeitig Aufschluss über ihre Gedanken und Gefühle in den diversen Szenen. Außerdem ungewöhnlich ist, dass die Graphic Novel durchgehend in Farbe gehalten ist. Dieses Bunte, Verspielte passt ganz wunderbar zu Eloise und ihrer Geschichte.

Was man bei „Wie ein leeres Blatt“ nicht erwarten sollte, ist eine bahnbrechende Auflösung, die einem in fertig gebutterten Häppchen hingeschmissen wird. Die Geschichte läuft viel leiser ab, viel subtiler und alltäglicher, sodass man sich als Leser selber Gedanken machen kann. Die Autoren käuen dem Leser nichts vor oder versuchen, ihn mit erhobenem Zeigefinger von etwas zu überzeugen. Das ist gut so und macht das Buch auch noch überzeugender – schließlich geht es hier darum, so zu sein, wie man ist und wie man sein möchte und nicht, wie andere es einem vorschreiben. 

Kommentare:

  1. Das würde ich mir gern mal ausleihen :)

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  2. Darf ich mich gleich mal einreihen mit dem ausleihen? :) Bei dem Zeichenstil bin ich mir noch nicht ganz so sicher, aber was du drüber schreibst klingt total interessant!

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