[Rezension] Cornelia Travnicek - Chucks

grass-harp | Samstag, 28. Juli 2012 | / |

Titel: "Chucks"
Autorin: Cornelia Travnicek
Originaltitel: -
Reihe: -
Genre: Gegenwartsliteratur
Seitenzahl: 192
Erscheinungsdatum: März 2012
Verlag: DVA
Format: Klappenbroschur
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-421-04526-3
Wohltäter: DVA
Leseprobe
Mae zog noch vor Kurzem als Punk durch die Straßen Wiens, lebte von Dosenbier und den Gesprächen mit ihrer Freundin über Metaphysik und Komplizierteres. Im AidsHilfe-Haus, wo sie eine Strafe wegen Körperverletzung abarbeiten muss, lernt sie Paul kennen und verliebt sich in ihn. Als bei ihm die Krankheit ausbricht, beginnt Mae gegen sein Verschwinden anzukämpfen: Sie sammelt seine Haare und Fußnägel wie Devotionalien und fängt zuletzt die Luft in seinem Krankenzimmer in einem Tupperdöschen ein. Chucks erzählt eine bezaubernde Geschichte vom Aufwachsen zwischen Liebe und Tod und ist von einem Ton durchdrungen, der mal humorvoll, mal aufwieglerisch laut, aber auch überaus zärtlich sein kann.

Quelle: Bild, Text





Ich kann gar nicht genau beschreiben, womit „Chucks“ zuerst meine Aufmerksamkeit erregte. War es die unkonventionelle Protagonistin Mae, die jahrelang als Punk durch die Straßen Wiens gezogen ist und nun bei einer Aidshilfe Sozialstunden ableistete? Oder waren es die zwischen Mae und einer Freundin stattfindenden Gespräche um Physik und Philosophie? Oder war es dann doch die Ehrlichkeit, vor der Klappentext und Leseprobe strotzten? Wahrscheinlich waren es all diese Dinge, die meine Neugierde auf das Buch weckten.

Die Hauptfigur Mae ist tatsächlich ungewöhnlich, aber mindestens genauso authentisch. Sie ist kein Engelchen, und doch kann man sie mit ihrer unverfälschten Art nur ins Herz schließen. Ihre Ecken und Kanten sind von der Autorin so dargestellt, dass man ihre Handlungen gut nachvollziehen kann. Doch ich denke, vor allem ihre besondere Art und Weise hat mich so beeindruckt. Mae macht sich über viele kleine und große Dinge Gedanken, auf die man vielleicht sonst nicht so schnell kommen würde. Mal sind es nur ganz kurze Passagen oder ein Gedanke, der plötzlich entsteht und ebenso schnell wieder verschwindet. Aber manchmal sind sie länger; manchmal entwickeln sie sich zu Gesprächen, und das ist besonders interessant zu verfolgen.

Die anderen Hauptfiguren sind mit ebenso viel Liebe zum Detail dargestellt, obwohl sie gar nicht so ausgiebig beschrieben werden. Doch da Mae eine gute Beobachterin ist, fällt ihr vieles auf, was dem Leser hilft, sich ein Bild der anderen Figuren zu machen. Aber dabei werden nicht nur Augenfarbe und Haarfarbe kurz beschrieben, wie das in manchen anderen Geschichten der Fall ist. Charaktereigenschaften und die kleinsten Angewohnheiten werden analysiert, jedoch ohne dass es zu trockenen und ellenlangen Beschreibungen ausartet. Da das Buch aus Maes Perspektive erzählt wird, sind diese Wahrnehmungen von ihr natürlich auch stark subjektiv beeinflusst, doch gerade dadurch macht es umso mehr Spaß. Man sieht die Welt durch Maes Augen, schaut in einen fremden Kopf und kann ihn trotz seiner Fremdheit überraschend gut verstehen. Besonders gut lässt sich das ganze durch den genialen Stil der Autorin lesen. Viele Metaphern und Vergleiche werden angewendet und solche stilistischen Mittel können in einer Menge durchaus störend im Text wirken, wenn sie ungeschickt formuliert sind. Obgleich Cornelia Travnicek sich nicht herkömmlicher Vergleiche bedient, gehen diese aber runter wie Butter und man stockt nicht mitten im Text, sondern fliegt geradezu hindurch und saugt die tollen Formulierungen in sich auf.

Erzählt wird das Buch auf verschiedenen Ebenen. Manchmal geht es um Maes Kindheit, dann um ihre Jugend und dann widerum um Abschnitte aus der Gegenwart. Als Zusammensetzung fand ich das sehr interessant, weil man so Mae gut kennen lernt und auch ihre Entwicklung nachvollziehen kann. Um in das Buch hineinzukommen, war es meiner Meinung nach jedoch weniger gelungen. Durch die vielen Wechsel findet man nur schwer in das Buch hinein. Auf Grund der Kürze ist man auch schon fast am Ende des Buchs angelangt, wenn man sich mit den vielen Wechseln abgefunden hat.

Auch insgesamt hat mich die Kürze etwas gestört. Das Buch ist interessant, aber wenig berührend, weil es so abgehetzt wirkt. Das Ende kommt abrupt, was zwar bewirkt, dass man noch länger über das Buch nachdenkt, aber auch irgendwie etwas unzufrieden darauf zurückblickt. Ein paar Seiten mehr Zeit hätte sich die Autorin für die Geschichte womöglich nehmen können, um noch etwas in die Tiefe zu gehen und insbesondere das Ende weniger abgehackt zu gestalten.





„Chucks“ ist unkonventionell, brilliant geschrieben, aber auch kurz und knapp. Mir hat das Buch Spaß gemacht, wenngleich mich vor allem die Kürze gestört hat. Nichtsdestotrotz kann ich es jedem weiterempfehlen, der mal ein etwas anderes Buch lesen möchte, mit einer etwas anderen Hauptfigur.


Kommentare:

  1. Hm, vielleicht mit 100 Seiten mehr würde es mich interessieren, aber so fürchte ich, könnte ich mich in die ungewöhnliche Protagonisten nicht einfühlen, besonders bei vielen Zeitwechseln. Dafür habe ich nämlich gar kein Faible bzw. ich bin leicht zu verwirren. ;)

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  2. Hey,

    eine schöne Rezension, du hast deine Kritikpunkte gut dargelegt und begründet. Ich finde, dass das Buch wirklich ziemlich interessant aussieht und klingt :)

    Ich habe dich übrigens getaggt, also, wenn du Lust hast: http://kaugummiqueen.blogspot.de/2012/07/tag-mein-herzbuch.html

    Grüße, KQ

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  3. Mir hat das Buch nicht so gut gefallen, besonders wegen der vielen Zeitwechsel und weil ich mich mit Mae nicht anfreunden konnte.

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