[About Books] Und die Moral von der Geschicht' ...

captain cow | Mittwoch, 6. Juni 2012 | |

Für meine Facharbeit in der Schule musste ich vor einem halben Jahr einige Dissertationen und andere Bücher über kreatives Schreiben lesen - Schreibratgeber inklusive. Vor allem in diesen blieb ich oft an den Kapiteln zum Kerngedanken des Romans hängen. Oftmals ging es in diesem Zusammenhang auch um die Moral eines Romans. Nicht im Sinne davon, dass einem auf jeder Seite des Buchs der Gedanke an den Autor mit erhobenem Zeigefinger in den Sinn kommt. So offensichtlich belehrende Werke tauchen in der Unterhaltungsliteratur aber auch vielen anderen Bereichen ja eher seltener auf.
Vielmehr geht es um die Essenz. Was für Grundgedanken lassen sich aus einem Buch ziehen? Vermittelt es bestimmte Werte, versucht es gar, eine Moral herüberzubringen? Wenn ja, was genau ist denn die Moral des jeweiligen Buchs?

Ein sehr aktuelles Beispiel wäre Veronica Roths "Divergent" (deutscher Titel: "Die Bestimmung"). Es gibt viele begeisterte Stimmen zu dem Werk und, wie bei jedem anderen Roman auch, skeptischere und negativere Meinungen. Oftmals begegnete mir vor allem in diesen Kritik an der Moral des Buchs. Gewalt und Brutalität würden verharmlost, das kopflose Hineinstürzen in Situationen zu einem guten Wert gemacht werden.

Diese Kritiken möchte ich hiermit nicht niedermachen, denn jeder hat eigene Gedanken und Ansichten zu einem Buch. Als Fan des Romans ist es für mich unmöglich, objektiv darüber zu urteilen. Dennoch gibt es Gründe, warum ich dieses Buch so mag und warum mir die verschobenen Moralvorstellungen darin nicht negativ aufgefallen sind. Zum einen glaube ich kaum, dass Veronica Roth mit ihrem Roman bestimmte Werte idealisieren wollte. Auch wenn Tris sich in Abenteuer stürzt und zu einem Adrenalinjunkie wird, hatte für mich das gesamte Buch einen bestimmten Beigeschmack. Mir kam es häufig so vor, als würde man in "Divergent" oftmals auch den Irsinn unserer Welt sehen. Irgendeinen wahren Kern haben die meisten Dystopien schließlich und ebenso kam es mir hier vor. Das Faktionensystem ist sehr fehlerhaft, was vor allem im weiteren Verlauf klar wird. Denn warum sollte man Menschen in Schubladen einordnen, wenn sie doch in Wirklichkeit ganz offensichtlich viel komplexere Wesen sind?

Ich denke was "Divergent" anbelangt, werden Gewalt, Mord und Totschlag kaum idealisiert. Die Literatur ist schließlich nicht nur für Einfühlung und Nachahmung da. Ich will jetzt nicht groß mit Mimesis und Katharsis anfangen, hier keine pseudophilosophische Diskussion beginnen, und auch "Divergent" keine tiefgehenderen Ebenen andichten. Aber meiner Meinung nach zeigt das Buch eher bestimmte Dinge auf, als dass es schlechte Werte idealisiert.


Ebenso verhält es sich bei zahlreichen anderen Romanen. Auch wenn mir "Der Märchenerzähler" von Antonia Michaelis stellenweise nicht gefallen hat, bin ich der Ansicht, dass bestimmte Handlungspunkte darin nicht das Ziel haben, ernste Themen zu verharmlosen, sondern sie eher in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken. Wer meine Rezension dazu gelesen hat, wird vielleicht bemerken, dass meine Meinung dazu vor ein paar Monaten noch etwas anders aussah. Bestimmte andere Aspekte haben mir auch nicht gefallen, insgesamt empfand ich die gesellschaftskritischen Elemente darin aber eher als positiv. Natürlich ist dieser Roman insgesamt viel ruhiger und gedankenanregender angelegt als "Divergent". Dennoch hatte ich bei beiden nicht den Eindruck, dass die Autorinnen ihre Leser manipulieren wollen, sondern sie eher zum Nachdenken bringen wollen.

Natürlich ist das ganze Thema auch mal wieder eine starke Ansichtssache. Deshalb bin ich gespannt auf eure Meinungen zum Thema Moral in Büchern. Gibt es Romane, die für euch schon hart an der Grenze waren? Was habt ihr zu den in den beiden Beispielromanen vermittelten Werten zu sagen? Sind sie idealisierend? Oder wirkten sie nicht so auf euch? Über Antworten – egal ob in Form eines Kommentars zu diesem Post oder als eigenen Beitrag auf eurem Blog – freue ich mich sehr.

Kommentare:

  1. Sehr interessanter Beitrag. Ich denke, in "Divergent" ist ein gutes Beispiel für ein Buch, in dem einfach eine Welt aufgezeigt wird, ohne das der Autor explizit sagt, was schlecht ist. Dem Leser wird ja selbst klar, dass es so kaum funktionieren kann. Vor allem, wenn Menschen ausgestoßen werden, wenn sie sich nicht einordnen können (und das nach einer einmaligen Entscheidung mit 16 Jahren). Ich denke, einen allzu tiefen Sinn sollte man darin jetzt auch nicht sehen. Über Gelesenes nachdenken sollte man ja immer und ich finde, es werden auch verschiedene Formen der Gewalt (häusliche, Mobbing und schließlich das Morden) dargestellt. Das ganze zwar eher spannend, aber dennoch nimmt man es ja nicht einfach hin.
    Das zweite Buch kenne ich nicht, daher sage ich da mal nichts zu^^

    Prinzipiell möchte ich einen tieferen Gedanken in einem Buch haben. Das muss nicht immer der Sinn des Lebens oder ein ähnlich hoher Wert sein. Auch Fragen der Freundschaft, Angst, Glück, Zufriedenheit, Andersartigkeit etc. etc. finde ich absolut interessant und gerade dies gibt einer Geschichte ja das gewisse etwas.

    Ich mag allerdings keine Bücher, in denen meiner Meinung nach der Zeigefinger zu deutlich erhoben wird. Mir ging das früher bei vielen Büchern von Ralf Isau so. Ich mag diesen Autor aufgrund seiner Ideen sehr, doch seine Bücher waren mir fast allesamt zu moralisch. Wenn ich das Gefühl habe, der Autor will mir vorschreiben, was ich zu denken habe, passt das für mich einfach nicht.

    So, ist jetzt ein ziemlich langer Kommentar. Aber ich finde gerade dieses Thema total interessant. Es ist ja nicht umsonst der "Kerngedanke". :) In diesem Sinne liebe Grüße

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    1. Freut mich, dass er dir gefällt.
      Ja, da hast du Recht. Ich will ja "Divergent" auch keinen allzu tiefen Sinn andichten, aber irgendwie finde ich es eindeutig, dass die Autorin da eher ein kritisches Bild der Gesellschaft darstellt, als eins, das wünschenswert sein soll.

      Irgendwie scheinen wir in der Hinsicht eine sehr ähnliche Meinung zu haben. Ich kann das alles sehr gut nachvollziehen und besonders solche Zeigefinger-Bücher finde ich immer sehr störend und da stellt man sich dann irgendwie auch gegen.

      Ist doch gut, wenn du zu dem Thema einiges zu sagen hast ^^ Vielen Dank für deine ausführliche Antwort :)

      Liebe Grüße!

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  2. Ach, der Kapitän stellt sich immer so spannende Fragen - und das hier ist wieder ein sehr interessanter Beitrag! "Divergent" habe ich zwar (noch) nicht gelesen, dafür aber den "Märchenerzähler" - also diskutiere ich gerne mit :-)
    Ich finde es bei Jugendbüchern oft schwierig, über die Moral zu urteilen... Bei Kinderbüchern sollte moralisch noch alles in Ordnung sein und das Gute über das Böse gewinnen - Erwachsenenbücher dagegen sollen polarisieren und jeder Leser sollte hier für sich selbst entscheiden können, was er moralisch für vertretbar hält und was nicht. Jugendbücher stehen halt sehr dazwischen... Ich persönlich finde es schwierig, da zu differenzieren, weil oft schon 12-Jährige diese Bücher lesen, die vielleicht noch nicht so gut über das Gelesene urteilen können. Gerade den "Märchenerzähler" finde ich da krass, weil man von der Protagonistin so mitgerissen wird. Für Ältere dagegen halte ich es für ein sehr gutes Buch, da man viel darüber nachdenken kann.
    In einem meiner letzten Bücher (Die Auserwählten: In der Brandwüste) begeht der Protagonist einen Mord. Er kann in seiner Situation kaum anders handeln und macht sich später auch starke Vorwürfe, doch Mord ist erstmal Mord - ich hoffe sehr, jeder Jugendliche, der das Buch liest, sieht das genauso...
    Bin gespannt auf andere Meinungen :-)
    Liebe Grüße von deiner Bücherdiebin!

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    1. Hihi, immer wieder gern (: Und vielen lieben Dank auch für deine Meinung dazu.
      Es stimmt natürlich schon irgendwie, dass man auch zielgruppenabhängig Unterschiede machen sollte. Und in Büchern für Kinder sollte es auch nicht zu extrem oder kritisch werden - allerdings finde ich es schon nicht schlecht, wenn es da auch ein paar Bücher gibt, die zu eigener Entscheidungsfindung anregen. Aber das sollte natürlich angemessen sein, da ist der "Märchenerzähler" für 12-jährige vielleicht wirklich etwas heftig (wobei es da ja auch immer drauf ankommt, wie weit man in dem Alter schon ist).
      Insofern sind Jugendbücher wohl als eine Art Überleitung ganz gut, aber sie sollten im Rahmen bleiben :]

      Liebe Grüße!

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  3. Ich habe beide Bücher gelesen und denke, dass sie nicht ohne Grund polarisieren. Mord und Vergewaltigung sollten nicht auf die leichte Schulter genommen werden und besonders bei Jugendbüchern, die auch mal 12-Jährige in die Hände bekommen, sollte man vorsichtig solche Themen behandeln.
    Die Hau-Drauf-Mentalität der Charaktere macht „Divergent“ natürlich spannend, aber der moralische Kontext ist meiner Meinung nach nicht gerade löblich. Um wirklich Mensch sein zu können, sollte man wohl in dieser Zukunftsvision fraktionslos sein. Andererseits sich genau darüber eigene Gedanken zu machen, ist doch toll! Beide Bücher geben Anstöße, sich eine eigene Meinung über die diese Themen zu bilden. Allerdings ist dafür schon eine Art Reflexionfähigkeit nötig, die ältere Leser eher besitzen.

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    1. Die Moral der Figuren in "Divergent" ist wirklich nicht gerade löblich, aber meiner Meinung nach ist das ja nicht automatisch die Moral, die das Buch vermittelt. Natürlich sollte man solche Bücher nicht den kleinsten Kindern in die Hand drücken, weil das sehr falsch ankommen könnte.
      Vor allem im Zusammenhang mit der Zielgruppe und dem Alter potentieller Leser ist die Moral eines Buchs offensichtlich ein ziemlich schwieriges Thema :S

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  4. Ich habe nun weder das eine noch das andere gelesen, doch da du hier nicht um eine Meinung zu den beiden Büchern fragst, sondern um eine Meinung zum Thema Moral in Büchern allgemein, will ich hier dennoch antworten. Genau deise Frage habe ich mir nämlich gestellt, nachdem ich den ersten Band der "Hungergames" gelesen habe. An Brutalität findet man dort schließlich so einiges - und dennoch soll es ein Jugendbuch sein?
    In den letzten Wochen ist mir dieses immer wieder durch den Kopf gegangen. Nicht speziell auf ein Buch ausgelegt, sondern generell. Was macht eigentlich die Moral in Büchern aus? Ich bin sicher, sie ist überall vorhanden und jeder Autor gibt ein bisschen von sich selbst in seinen Werken preis. Moral ist niemals so, wie wir sie uns vorstellen. Sie kann auch mal von der Norm abweichen. Soviel ist klar.
    Ich könnte hier jetzt einen Roman schreiben, in dem ich versuche, das genauestens zu erklären. Kurzgefasst würde es aber darauf hinauslaufen, dass jedes Buch uns eines vermitteln kann: Offenheit für Andersartigkeit. Dies zeigt sich im Bereich der Moral, aber eben auch im Bereich der Charaktere, der Wortwahl, einfach allem. Wer lernt, sich auf ein Buch einzulassen, lernt gleichzeitig, anderes, gar fremdes zu akzeptieren.
    LG Shira

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    1. "Hunger Games" ist ja auch ein ziemlich gutes Beispiel dazu, und mir ging es wirklich eher um das Thema im Allgemeinen. Die beiden Bücher wollte ich nur mal als Beispiele nehmen.
      Damit hast du recht. Irgendwie ist jedes Buch darauf aus, ganz gleich, woraus diese "Andersartigkeit" dann im Endeffekt besteht.
      Herzlichen Dank für deine Meinung zu dem Thema (:

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