[Rezension] Jonathan Safran Foer - Alles ist erleuchtet

captain cow | Sonntag, 29. April 2012 | / |






Taschenbuch | 384 Seiten
2003 erschienen
im Fischer Verlag
Preis: 9,95 €
ISBN: 978-3-596-15628-3







Ein junger Amerikaner reist durch die Ukraine. Lebt sie noch, die Frau, die seinem jüdischen Großvater während der Nazizeit das Leben gerettet hat? In einem klapprigen alten Auto macht er sich auf die Suche nach einer gespenstigen Vergangenheit. Zusammen mit einem alten Ukrainer und dessen Enkel Alex, der ein herrliches verballhorntes Englisch spricht. Und dann ist da noch die Promenadenmischung Davis jr.jr.





Jonathan Safran Foer ist ein Autor, dessen Bücher einem überall begegnen. In vielen Buchläden liegen sie, selbst Jahre nach dem Erscheinen, noch immer aus und von Kinoplakaten blitzt einen das „nach dem Roman von...“ an. Dementsprechend war es keine Frage, dass ich irgendwann mal nach einem Buch von ihm greifen würde. „Alles ist erleuchtet“ hatten wir praktischerweise zu Hause und so widmete ich mich meinem ersten Foer.

Das Buch ist sehr verschachtelt aufgebaut. Auf der einen Seite liest man aus Alex‘ Sicht, einem Ukrainer, der nicht ganz perfektes Englisch beherrscht und dementsprechend schreibt. Seine Familie wird zunächst beschrieben, sowie sein Leben. Als Leser wird man an der Stelle ziemlich ins kalte Wasser geworfen, denn man weiß kaum, in welchem Zusammenhang diese Geschichte zu der, die auf dem Klappentext beschrieben wird, steht. Nach diesem Abschnitt wird es aber noch verwirrender, denn plötzlich findet man sich Ende des 18. Jahrhunderts in einem Schtetl wieder, in dem gerade ein seltsamer Unfall passiert ist. Der Verwirrung wird die Krone aufgesetzt, indem man einen Brief zu lesen bekommt – von Alex, allerdings nach Jonathan Safran Foers Aufenthalt in der Ukraine.

Ja, ihr lest richtig, der Autor ist in diesem Buch eine Figur, jedoch liest man nur sehr wenig aus seiner Perspektive. Die meisten Teile werden von Alex beschrieben. Anfangs empfand ich das als sehr gewöhnungsbedürftig, doch schlussendlich thematisiert „Alles ist erleuchtet“ die Geschichte von Foers Großvater und seine Suche danach, sodass ich diesen Kniff nicht weiter störend fand. Auch wenn er durchweg als „der Held“ betitelt wird, merkt man als Leser, dass sich Foer hier nicht als Idealfigur dargestellt hat sondern auch kritisch und mit einer großen Portion Humor mit sich umgeht.

Einige Dinge mögen einem anfangs übertrieben vorkommen, doch in diesem Buch muss man nicht alles ernst nehmen. Humorvoll sei die einzige wahrheitliche Art, eine traurige Geschichte zu erzählen, heißt es einmal in diesem Buch. Es lässt sich darüber streiten, ob das nun stimmt oder nicht – doch effektvoll ist es auf jeden Fall. „Alles ist erleuchtet“ ist zu weiten Strecken auf diese Art geschrieben. Mit viel Sprachwitz, Humor und Mut zu Seltsamem hat Foer die Geschichte konstruiert. Hinter vielen Begebenheiten oder Worten versteckt sich ein tieferer Sinn, über den man als Leser gerne nachdenkt. Auf den 380 Seiten dieses Buchs wird man zu Trauer und Freude bewegt, zum Grübeln und Lachen gebracht. Dabei deckt der Roman so viele verschiedene Thematiken ab: Das Heranwachsen in einer unperfekten Welt, Liebe, Akzeptanz, Verarbeitung, Verdrängung, Toleranz, ... Die Geschichte nistet sich unwiderruflich in den Gedanken ein, weil sie mit dem Zuklappen des Buchs noch nicht zu Ende ist.

Auf den ersten Seiten herrschte bei mir noch viel Verwirrung, aber irgendwann verband sich dann Alles zu einem einheitlichen Ganzen. Die Wahl, das Buch auf verschiedenen Ebenen aufzubauen, gefiel mir dann auch sehr gut, denn so wirkt es echter, als wären diese Begebenheiten tatsächlich geschehen. Beeindruckend ist auch, dass Foer die verschiedenen Teile glaubwürdig macht, in dem die Stile sich unterscheiden. Bei den Berichten aus der Vergangenheit ist der Stil sehr überlegt, bildhaft und mit zumeist schönen Worten und komplexen Gedankengängen. In den Abschnitten aus Alex‘ Sicht muss sich der Leser jedoch mit Grammatik- und Ausdrucksfehlern abfinden, doch auch diese Teile können sehr nachdenklich sein. In seinem Stil hält Foer den Charakter eines jeden Erzählers fest.

Ein negativer Aspekt dieser Verschachtelung sind jedoch eindeutig die Briefe – denn da setzt sich Alex mit Foers Romanteilen auseinander. Ich hätte das lieber ganz auf meine Art und Weise interpretiert, ohne Gedankenstützen des Autors – denn so hatte ich das Gefühl, er würde den Leser auf eine Art bevormunden und ihn in eine bestimmte Richtung lenken wollen. Glücklicherweise passierte das jedoch nur stellenweise, sodass ich die restlichen Teile des Romans genießen konnte.



„Alles ist erleuchtet“ verbindet viele Thematiken, sowie Aufarbeitung des Holocausts in einem Wirbelwind von Roman. Auch wenn die Geschichte mit sehr viel Witz glänzen kann, sollte man sich davon nicht fehlleiten lassen – denn ein einfacher Roman ist „Alles ist erleuchtet“ keinesfalls. Er regt zum Nachdenken an und ist deshalb eher an Leser zu empfehlen, die aus Büchern etwas mitnehmen möchten und sich dabei auf skurrile Inhalte und Erzählweisen einlassen können.


Kommentare:

  1. Ah, auf die Rezension war ich ja auch gespannt, als ich gesehen habe, dass du deinen ersten Foer liest :-) Mich konnte das Buch ja nicht ganz so begeistern, auch wenn ich durchaus für den Reiz dieser verschiedenen Erzählebenen empfänglich war. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, am Ende nicht alles verstanden zu haben - ging dir das auch so?
    "Extrem laut und unglaublich nah" hat mir da etwas besser gefallen, auch wenn ich mit dem Buch ähnliche Schwierigkeiten hatte. Hast du vor, das auch noch zu lesen?

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    1. Ja, deine Meinung dazu war ja eher durchwachsen :S Mir sind zwar diese Lobpreisungen der USA auch aufgefallen (das hattest du doch kritisiert, wenn ich mich richtig erinnere?), allerdings wirkten die auf mich doch sehr ironisch und auch nicht soo schlimm :]
      Am Ende... wüsste ich jetzt eigentlich nicht, was ich nicht verstanden haben sollte :S Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, erscheint mir alles recht klar. Was fandest du denn verwirrend?
      "Extrem laut und unglaublich nah" wird wohl mein nächster Foer sein, das Buch will ich unbedingt noch lesen. Ich überlege nur gerade, ob auf Deutsch oder Englisch :]

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    2. Oh je, so eine Rückfrage hatte ich befürchtet :-) Es war bei mir nicht so, dass ich mich am Ende gefragt hätte: Warum hat der und der jetzt so und so gehandelt? Oder: Warum wurde das und das so erzählt? Es war vielmehr ein Gefühl, dass mir noch irgendwas gefehlt hat, damit die Geschichte "rund" wird. Viele Ereignisse hingen ja nur lose zusammen und auch diese ganzen phantastischen Erzählungen haben der Geschichte irgendwie nicht weitergeholfen... *hrmpf*
      Und ja, die Ami-Lobpreisungen... die wirkten auf mich an vielen Stellen zwar auch ironisch (schon klar, dass Foer sich nicht unbedingt als "Helden" der Geschichte sieht), aber wenn Alex dann in seinem schlechten Englisch erzählt hat, ist mir das jedesmal übel aufgestoßen :-/

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    3. Ach soo. Okay, verstehe. Das Gefühl hatte ich eigentlich nicht, denn man erfährt ja ganz am Anfang in Alex' Briefen, wie es eigentlich weitergeht. Und irgendwie fand ich es gut so, denn so sind meine Gedanken noch länger um das Buch gekreist. Aber das ist natürlich Geschmackssache.
      Die phantastischen Erzählungen dienten bei mir dazu, die Erschütterung über das, was dann in dem Schtetl passiert ist, nur noch zu verstärken. Ich fühlte mich dort fast wie zu Hause, weil man die ganzen Figuren kannte, und dann plötzlich sowas...
      Das haben wir dann wohl verschieden wahrgenommen :S Mich haben die Stellen jedenfalls nicht so sehr gestört.

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  2. Ohh, tolle Rezension! Ich hab das Buch selbst noch auf meinem SuB und es auch einmal angefangen, doch zu dem Zeitpunkt hatte ich mehr Lust auf andere Lektüre. Jetzt hast du mich doch wieder sehr neugierig gemacht. Der Sprachwitz war mir ja schon aufgefallen (auch recht typisch für Foer, ich hab ja schon "Extrem laut und unglaublich nah" von ihm gelesen), aber auch alles andere, was du beschreibst, macht mich sehr neugierig. Danke dafür! :)

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    1. Schön dass sie dir gefällt :D
      Wenn man keine Lust auf das Buch hat, dann sollte man es lieber erstmal weglegen. So toll viele Dinge daran auch sind, ein Buch zum Versinken und Verschlingen ohne "Nebenwirkungen" ist es auch nicht, weil es dafür viel zu riskante Themen behandelt. Aber solltest du bald mal Lust darauf haben, dann nur zu :D Ich wünsch dir schon mal viel Spaß!
      Oooh "Extrem laut und unglaublich nah" steht von ihm auch weit oben auf meiner Wunschliste!

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  3. Uhh, das liegt ja auch noch auf meinem SUB und nun bekomme ich auch richtig Lust drauf es zu lesen.
    Aber du MUSST, MUSST einfach "Extrem laut und unglaublich nah" lesen. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass "Alles ist erleuchtet" da ran kommt.

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    1. Tu das! :D Es ist verwirrend und manchmal sehr komisch, insgesamt aber ein wirklich lebendiges Buch, so voller kluger Gedanken und Trauer und (fast) allem, was das Herz begehrt. Finde ich...
      Das habe ich ganz bald vor! Ob das eine an das andere rankommt, werde ich ja dann sehen.

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  4. Hey meine liebe.. ich wollte dir einfach mal danke sagen für diesen so schönen Blog.
    Ich wünsch dir ganz viel Liebe für die nächste woche.
    fühl dich geherzt
    deie M.-

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    1. Oh äh danke :D Es freut mich echt, dass dir mein Blog so gut gefällt :]

      Liebe Grüße!

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  5. Das klingt nach einem schönen Buch, wieder ein kopflastiges, nicht wahr? :)

    Und woooooow, was für eine schöne Hintergrundfarbe, ich fand die alte ja auch schön, aber Lila - tschuldige für diesen primitiven Ausdruck - gehört zu meinen Lieblingsfarben :D
    (haha am Ende ist das ein Bildschirmfehler und du hast denk Hintergrund gar nicht geändert ^^)

    Liebe Grüße

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    1. Ja, schon kopflastig, aber auch bauchlastig. Wirklich sehr toll.

      Hihi, freut mich, dass es dir gefällt. Mir war mal nach ein wenig mehr Farbe, aber trotzdem sollte es schlicht bleiben. Es ist aber kein Bildschirmfehler xD Lila mag ich auch extrem gerne.

      Liebe Grüße

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  6. Das klingt nach einem ziemlich außergewöhnlichen Buch. :) Ach, ich kämpfe noch mit mir. :D Denn "Extrem laut und unglaublich nah" habe ich seit... ähem... drei Jahren? hier liegen. Ich hatte auch schon einmal damit begonnen und es hat mir, wenn ich das richtig in ERinnerung habe, ziemlich gut gefallen, doch dann kam irgendetwas dazwischen und ich hatte es wieder beiseite gelegt- bis jetzt. Ich denke, ich werde mich zuerst einmal irgedwann mal wieder daran machen, bevor ich zu diesem seiner Werke hier greife. Ich hatte schon zuvor viel von "Alles ist erleuchtet", teilweise auch, dass es etwas verwirrend sein soll, was deine Rezension ja auch ein bisschen durchklingen lässt, jedoch nicht im negativen Sinne. Hm. Schwierig, schwierig... :D

    Dankeschön, freut uns, dass dir die Umgestaltung des Headers der Jahreszeit entsprechend gefällt und - vor allem - aufgefallen ist. ♥ "Along for the ride"/"Because of you" habe ich bisher noch nicht gelesen, Sara meines Wissens nach auch nicht. Es hatte nur so schön dort oben hingepasst. :D Allerdings besitzt es eine Freundin von uns, von der ich es mir gerne einmal ausleihen würde. Ich habe ja zugegebenermaßen noch kein Buch von Sarah Dessen gelesen, zwar liegt "Zwischen jetzt und immer" hier bei mir, aber das hatte ich aufgrund der Langatmigkeit vor einem Jahr mal abgebrochen. Keine Ahnung, ob es an einer ungeduldigen Phase damals lag, oder tatsächlich so ist. Kannst du irgendein spezielles Buch von ihr empfehlen? Die Auswahl ist ja ziemlich groß...

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    1. Ja, als "außergewöhnlich" kann man es wahrlich bezeichnen. "Extrem laut..." habe ich noch nicht gelesen, es steht aber noch auf meiner Wunschliste. Insofern kann ich es nicht beurteilen, aber ich glaube mit Foer kann man wenig falsch machen :]

      "Along for the ride" habe ich leider auch noch nicht gelesen, aber es ist noch eins von den Dessen-Büchern die auf meiner Wunschliste stehen.
      Ich habe von ihr vor ein paar Jahren fast alle Bücher verschlungen. Soweit ich weiß, kenne ich lediglich "Along for the ride" von den bisher erschienen Büchern nicht (und im Sommer erscheint ja noch eins). Am besten haben mir "Zu cool für dich" (Ich mochte die Hauptcharaktere einfach) und ganz besonders "Zwischen jetzt und immer" gefallen. Letzteres geht langsam los, aber die Atmosphäre des Buchs hat mich einfach mitgerissen, zumal es eine quälend langsame und doch so schöne Liebesgeschichte beinhaltet :D Vielleicht probierst du es noch einmal?

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