[Rezension] Victoria Schlederer - Des Teufels Maskerade

grass-harp | Mittwoch, 21. März 2012 | / |






Klappenbroschur | 544 Seiten
Erschienen im November 2009
im Heyne Verlag
Preis: 14,00 €
ISBN: 978-3-453-52655-6







Geneigter Leser, das Bureau könnte in akute Erklärungsnot geraten, sollte die Bevölkerung herausfinden, dass es staatliche Bestandsaufnahmen über Gestaltwandler und Vampire gibt. Noch sind diese phantastischen Wesen aus dem alten Volk scheu und ziehen es vor, unter sich zu bleiben. Doch als meine seltsamen Gefährten und ich den Fluch der uralten Familie Trubic aufzuklären suchten, stießen wir auf das wahre Ausmaß der okkulten Verwicklungen! Denn hören Sie: Schon bald droht ein unglaublicher Aufstand aus dem Dunkel auf die Bühne der Weltpolitik überzuschwappen …

Prag, in den letzten Jahren der K&K-Monarchie: Hier unterhält Dejan Sirco, Baron und Hauptmann außer Dienst, sein „Bureau für Okkulte Angelegenheiten“. Und das mit gutem Grund, bevölkern doch die unterschiedlichsten und unwahrscheinlichsten Wesen die Goldene Stadt. Unterstützung erhält Dejan von der lebensweisen Dirne Esther, dem ehemaligen Straßenjungen Mirko sowie Lysander Sutcliff, einem Earl, der durch eine Kette unglücklicher magischer Verwicklungen seit Jahrhunderten im Körper eines Otters sein Dasein fristen muss. Der neueste Fall des farbenfrohen Quartetts gestaltet sich diffizil: Es gilt, einen mörderischen Fluch zu ergründen, in dessen Bann ein altes Adelsgeschlecht seit Jahrhunderten steht. Im Zuge der Ermittlungen offenbart sich Dejan, dass weit mehr auf dem Spiel steht, als das Schicksal einer Familie: Denn hinter den Kulissen der bekannten Welt planen Geheimgesellschaften und phantastische Wesen schon lange den Aufstand, der auf die Bühne der Weltpolitik überzuschwappen droht. Der Schlüssel zu alldem liegt ausgerechnet in der Hand des janusköpfigen Felix Trubic, seines Zeichens Geheimagent seiner Kaiserlichen Majestät, der dem „Bureau“ den Auftrag erteilt hatte.




Das erste Mal kreuzten sich unsere Wege auf der Leipziger Buchmesse 2009. „Des Teufels Maskerade“ hatte es in die Finalrunde des Heyne Schreibwettbewerbs geschafft und weil ich eine Verschnaufpause brauchte, setzte ich mich auf einen der Hocker und hörte zu – schon da fesselte mich Victoria Schlederers Lesung aus ihrem Manuskript. Als sie zur Siegerin gekürt wurde, nahm ich mir fest vor, den Roman zu lesen, sobald er erscheinen würde – doch irgendwie geriet das wieder in Vergessenheit.

Jetzt wurde ich aber doch wieder neugierig auf das Buch, zumal die Autorin ein weiteres Buch veröffentlicht hatte. Vor dem Lesen war ich bereits überzeugt, dass dieses Buch mir gefallen würde – die bereits gehörte Lesung, sowie der Klappentext versprachen einen Roman ganz nach meinem Geschmack. Aber wie toll dieses Buch wirklich ist – damit hatte ich nicht gerechnet.

Ich kann nicht anders, als bei „Des Teufels Maskerade“ in Schwärmereien auszubrechen. Schon von der ersten Seite an fesselte mich das Buch ob seines unverwechselbaren Stils. Unkompliziert kann man ihn nicht gerade nennen, denn hier und da schleichen sich Bandwurmsätze ein oder die Autorin bedient sich veralteter Formulierungen und Wörter. Das mag unter Umständen störend sein, doch hier passt es wie die Faust aufs Auge. Durch den Stil fällt es dem Leser nicht schwer, sich an den Anfang des vergangenen Jahrhunderts zurückzuversetzen. Die dichten Beschreibungen der Atmosphäre tun ihr Übriges – man kann nicht anders als im Prag und Wien vergangener Tage zu versinken.

Doch nicht nur die vergangene Zeit beschwört die Erzählweise herauf. Auch Lebendigkeit wird den Seiten eingehaucht, durch gekonnte Dialogführung und viel Sprachwitz. Jeder Charakter bekommt seine eigene Stimme, die man in den Briefen, die sie sich im Laufe des Romans schreiben, wiedererkennt. Da ist Sir Lysander, der sich immer sehr gehobener Formulierungen bedient; Esther, die so schreibt, wie sie spricht, oder Mirco, der doch noch einfachere Worte verwendet als Baron Dejan Sirco.
Doch nicht nur ihre Art zu reden und zu schreiben zeichnet die vielen Charaktere aus. Sie sind mit so viel Detail gezeichnet, dass sie einem wie wahre Menschen (oder Tiere) vorkommen und nicht wie Figuren in einem Buch. Facettenreich bleiben dabei allerdings nicht nur die Hauptcharaktere – auch Nebencharaktere werden durch ihre Eigenschaften zum Leben erweckt. Die Autorin betreibt dabei aber keine Schwarz-Weiß-Malerei. Die guten Charaktere treffen zweifelhafte Entscheidungen, verhalten sich falsch, während ihre Antagonisten nicht durchweg schlecht und grausam handeln. Oftmals wird so etwas in Romanen vernachlässigt, doch Victoria Schlederer fängt in ihrem Roman – auch wenn er sich ins fantastische Genre einordnen lässt – die Menschen so ein, wie sie wirklich sind: Vielschichtig und selten bloß einem bestimmten Charaktertypen zuordenbar.

Nicht nur bei den Charakteren bleibt die Autorin dicht an der Realität. Die fantastischen Kreaturen und Phänomene, die in „Des Teufels Maskerade“ auftauchen, werden glaubhaft in unsere Wirklichkeit eingebunden. Das Problem, das in dem Roman ermittelt werden muss, ist nicht rein fantastischer Natur, sondern hat auch einen politischen Bezug. Diese gekonnte Verschmelzung von Realität und Fantasie löst bei mir umso größere Begeisterung für das Buch aus.

Doch auch die Handlung vermochte mich zu begeistern. Mystisch ist sie, geprägt von vielen Details aus der Vergangenheit, die ich als Leser nur zu gern ergründete. Hin und wieder wird der Haupthandlungsstrang zwar von einigen Nebenhandlungssträngen unterbrochen, was manch einer als störend ansehen mag. Mich störte es jedoch nicht, denn diese Unterbrechungen ließen mich oftmals die Charaktere besser kennenlernen und lockerten gleichermaßen die Handlung auf, sodass sie wenig konstruiert wirkt. Positiv anzumerken ist hier auch der Aufbau der Geschichte: Aus der Perspektive des Barons Dejan Sirco erfährt man den Großteil der Vorkommnisse, doch hin und wieder liest man auch Briefe von anderen Romanfiguren oder erlebt Rückblicke durch Ausschnitte aus älteren Tagebucheinträgen des Barons. Und doch sind da Momente in seinem Leben, die nur angedeutet werden – die man sich durch seine Verhaltensweise oder die anderer Charaktere erschließen kann. Ausdrücklich genannt werden sie jedoch kaum. Diese Vorgehensweise empfand ich als besonders beeindruckend. Anstatt einfach eine Tatsache festzulegen, wird sie über den Roman hinweg in vielen Gesten und Taten verdeutlicht, sodass sie dem Leser als wirklich glaubhaft erscheint.




Wer actionreiche Geschichten mag, sollte einen Bogen um „Des Teufels Maskerade“ machen. Der Stil kann unter Umständen störend sein, wenn man einen einfach vor sich hinplätschernden Roman lesen möchte.
Doch wer Lust auf einen historischen Fantasyroman der etwas anderen Art hat, sich für skurrile und lebhafte Charaktere begeistern kann und innerhalb des Genres nach Innovation sucht, der sollte sich „Des Teufels Maskerade“ zu Gemüte führen. Mir bleibt nur übrig zu sagen: Was für ein Buch! Was für eine atemberaubende Geschichte, belebt von einzigartigen Charakteren und mit stimmigen Worten erzählt!


Kommentare:

  1. haaach, ich will auch :D tolle rezension!

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    1. Solltest du auch! :D :D Das Buch ist wirklich großartig :D

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  2. Bei so einer schönen und positiven Rezension kann ich gar nicht anders, als das Buch auf meine Leseliste zu setzen ;-) Vor allem der Schreibstil klingt so, als würde er genau meinen Geschmack treffen. Dass die Autorin den Heyne-Wettbewerb gewonnen hat, macht mich zudem noch neugierig. A propos der Wettbewerb: Ich habe noch "Der siebte Schwan" von Lilach Mer auf meinem SuB, da ja damals einen der vorderen Plätze belegt hat und möchte es bald unbedingt lesen :-)

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    1. Unbedingt! Der Stil kann dem einen oder anderen zwar auf Grund seiner komplizierteren Formulierungen missfallen, aber ich fand es gerade schön, auch mal ein bisschen mitdenken zu müssen beim Lesen :) Aber auch insgesamt gefällt mir dieses Buch wunderbar. Ich finde gerade gar nicht in meine nächste Lektüre hinein, weil die Charaktere, der Stil und das Setting mir noch so im Kopf herumspuken... :)
      "Der siebte Schwan" steht auch noch auf meiner Wunschliste - solltest du das irgendwann lesen, würd ich mich über eine Rezension freuen :)

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    2. Ich möchte "Der siebte Schwan" in nächster Zeit lesen, Rezension folgt dann gerne :-)

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  3. Ach, das ist doch das Buch, das beim Heyne Wettbewerb damals gewonnen hat ;} Ne Leseprobe davon hab ich hier auch noch irgendwo rumliegen, fand die aber etwas sehr skurril.

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    1. Ist auch wirklich skurril und sicherlich nicht für jeden die perfekte Lektüre. Mir hat es aber wirklich außerordentlich gut gefallen :D

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  4. Tolle Rezension! Das Buch scheint auch nicht schlecht zu sein ;)
    Ich habe mir inzwischen schon einiges aus deinem Blog durchgelesen und finde deinen Schreibstil wirklich gut. Hast du schonmal übers Autor werden Gedanken gemacht?
    Ich werde deiner Leseempfehlung auf jeden Fall so bald wie möglich nachgehen :)

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    1. Das Buch ist definitiv einen zweiten (und dritten, ...) Blick wert!
      Autor werden? Öhm - nein, ich schreib lieber was zu den Büchern als sie selbst zu schreiben ;-)

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  5. Hach, d i e s e s Buch. ;) Ich hatte damals auch an dem Wettbewerb teilgenommen und bin natürlich kläglich gescheitert. -lach- Danach konnt ich mich nicht entscheiden, ob ich das Buch ganz trotzig ignoriere oder es doch lese, neugierig war ich ja definitiv. Allerdings hab ich es dann auch irgendwie vergessen, aber momentan taucht es ja wie durch Zauberhand ständig auf. :0 Und eigentlich klingt es sogar recht gut, vielleicht für ich mir demnächst wirklich mal das TB zu Gemüte!

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    1. Eeecht, hast du? Wie cool! Mit was für einer Geschichte?
      Ich kann dir das Buch aber nur ans Herz legen. So gut kenne ich deinen Lesegeschmack jetzt nicht, aber ich fand es wahnsinnig gut. Die Charaktere spuken mir sogar noch Tage nach dem Lesen im Kopf herum :)
      Das Taschenbuch erscheint im Mai, soweit ich weiß. Vielleicht wär das ja dann etwas für dich :)

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    2. Jaaaa. Ich hatte mir irrigerweise sogar Hoffnungen gemacht. xD Es ging um Wassermenschen, die im Grunde in einer Parallelwelt zur unserer leben und bei denen alles anders herum ist - dementsprechend leben sie halt unter Wasser, und sie hießen "Namuh". xD Allerdings waren die Welten dennoch miteinander verknüpft, sodass mit der langsamen Zerstörung der Erde durch die Menschen auch die Namuh unterzugehen drohten. Helfen konnte da nur eine Legende, die besagt, dass zwei magische Kugeln die Welten repräsentieren und nur wenn eine der Kugel zerstört würde, konnte die jeweilige Welt ausgelöscht werden ohne dass die andere mit untergeht. Long story short: Eine Gruppe von Namuh wird zur Erde geschickt, um die entsprechende Kugel zu suchen, die sich der Legende nach in der Welt der Menschen befindet. Der Protagonist verliebt sich (natürlich xD), weiß allerdings noch nicht, dass er selbst & das Mädel die Kugeln sind (und die Aufenthaltsorte verdreht sind -Menschen haben die der Namuh, Namuh die der Menschen). Grob gesagt: Er will die Sache abblasen und irgendwie dafür sorgen, dass die Menschheit nicht vernichtet wird etc. pp., aber am Ende klappt das doch nicht ganz, Mädel wird geschnappt und umgebracht; nur war das nicht bekannt, dass damit die Welt der Namuh zerstört wird. Joah. xD

      Ich mag im Grunde ruhige Geschichten nicht ganz so gerne, aber Ausnahmen bestätigen ja immer wieder die Regel. Wenn es gut gemacht ist & die Charaktere stimmen, muss gar nicht mal so viel passieren und ich kann es trotzdem noch genießen. War z.B. auch bei "Shiver" von Maggiestiefvater so. (Was nicht heißt, dass solche Bücher dann unbedingt wie Shiver sein müssen. xD)

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    3. Uah, das klingt aber irgendwie doch interessant x) Ich mag so Wassermenschen :D Namuh = Human, umgekehrt? :P

      "Ruhig" ist auch vielleicht falsch gesagt. Es passiert schon sehr viel, aber es sind jetzt keine irren Verfolgungsjagden oder Schießereien - das meinte ich mit "ruhiger".

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    4. Ich glaub, mit der Geschichte bin ich insgesamt auch am weitesten gekommen von all denen, die ich mal angefangen habe. xD
      Genau. Ich weiß, wahnsinnig kreativ. x)

      Ach, na dann. Ich merk mir mal den Mai vor. :)

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  6. Oh, nach dem Klappentext war ich jetzt nicht so begeistert, aber wenn du das Buch so lobst, muss es ja gut sein, denn was du beschrieben hast, klang wirklich nach einem ausgezeichneten Roman. Ich finde realistische, tiefgründige und "graue" Figuren sehr wichtig, also ist das Buch jetzt auch auf meinem Wunschzettel. Ich hätte wissen müssen, dass der gnadenlos wachsen würde, wenn ich deinen Blog wieder regelmäßig verfolge, aber das ist ja nichts Schlechtes. ;)

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    1. Die Figuren sind bei diesem Buch wirklich ein großes Plus! Ich hoffe, es kann dich ebenfalls so begeistern wie mich, wenn du es dann mal lesen solltest :)
      Haha, ja, das ist ein Nachteil :D Aber das eine oder andere Buch finde ich ja auch nicht so toll - dann schrumpft deine Wunschliste vielleicht auch ein wenig. Oder sie wird nicht vieel größer ;-)

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  7. Das klingt ja mehr als nur gut. :) Ich muss gestehen, bisher noch nie etwas von diesem Buch oder der Autorin gehört zu haben. Hmm... Du stimmst mich auf jeden Fall neugierig...

    Du liest "Starters"! Aww, ich will auch so gerne. Wie gefällt es dir bisher? Die Meinungen gehen ja ganz schön auseinander, soweit ich das bisher beobachtet habe.

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    1. Das Buch ist leider auch recht unbekannt. Es hat aber auf jeden Fall einen höheren Bekanntheitsgrad verdient. Auch wenn es wirklich kein "gewöhnliches" Buch ist - ich kann mir gut vorstellen, dass einige Details der breiten Masse nicht so sehr zusagen würden :D

      Hihi, jaa :D Bisher gefällt es mir ganz gut, allerdings stört mich der Stil etwas und die Übersetzung ist in meinen Augen auch nicht soo gut gelungen :S Aber das Konzept ist schon cool :D

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  8. Ui, das Buch spielt teilweise in Prag?? :D Ist auf meinem Wunschzettel!!

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    1. Größtenteils sogar, mit ein paar kurzen Exkursionen nach Wien. Aber vor allem in Prag. Soo toll *-*

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    2. Waaah, wenn ich das gewusst hätte :D Ich liebe Prag, ich habe da mal gelebt!

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    3. Echt? Wie cool :D :D :D Aber es spielt vor 100 Jahren. Trotzdem finde ich es wunderbar beschrieben. Ein kleiner gezeichneter Stadtplan ist irgendwo mitten im Buch übrigens auch zu finden x)

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    4. Das macht nix :D 100 Jahre passen schon! Ich liebe trotzdem alles, was in Prag spielt. Ist schon irgendwie ein Tick. Vielleicht mochte ich Daughter of Smoke and Bone auch mit deswegen so gerne :D

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