[Rezension] Lauren Oliver - Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie

grass-harp | Montag, 13. Februar 2012 | / / / / / / |






Hardcover | 448 Seiten
Erschienen im September 2010
im Carlsen Verlag
ISBN: 9783551582317
Preis: 19,90 €






Was wäre, wenn heute dein letzter Tag wäre? Was würdest du tun? Wen würdest du küssen? Und wie weit würdest du gehen, um dein Leben zu retten?
Samantha Kingston ist hübsch, beliebt, hat drei enge Freundinnen und den perfekten Freund. Der 12. Februar sollte eigentlich ein Tag werden wie jeder andere in ihrem Leben: mit ihren Freundinnen zur Schule fahren, die sechste Stunde schwänzen, zu Kents Party gehen. Stattdessen ist es ihr letzter Tag. Sie stirbt nach der Party bei einem Autounfall. Und wacht am Morgen desselben Tages wieder auf. Siebenmal ist sie gezwungen diesen Tag wieder und wieder zu durchleben. Und begreift allmählich, dass es nicht darum geht, ihr Leben zu retten. Zumindest nicht so, wie sie dachte ...




Nachdem mich „Delirium“ von Lauren Oliver so begeistert hat, bestand für mich kein Zweifel daran, dass ich den Debütroman der Autorin ebenfalls lesen würde. Da mich dieses Konzept von einem Tag, der sich stetig wiederholt, allerdings nicht so sehr begeistert hat, wartete ich ab, bis ich das Buch aus der Bibliothek ausleihen konnte. Mit dem Lesen musste ich natürlich sofort anfangen, denn meine Neugierde war sehr groß.

Es brauchte nur wenige Sätze, bis ich voll und ganz in der Geschichte versunken war. Lauren Oliver besitzt einen sehr atmosphärischen Schreibstil, der es mir unmöglich machte, der Geschichte und den Charakteren fernzubleiben. Ihre Charakterbeschreibungen, sowie die Schilderungen des Umfelds und der Gefühle des Hauptcharakters provozieren ein Kopfkino, das makellos läuft. Lyrisch ist ihr Stil keinesfalls, umgangssprachlich allerdings auch nicht – vielmehr kann man ihn als sehr gute Mischung aus bildlich und gefühlsbetont beschreiben, der zum Hauptcharakter passt und den Leseprozess sehr angenehm gestaltet. Denn obwohl die Hauptfigur Sam anfangs keine besonders sympathische Persönlichkeit ist, konnte ich mich schnell in sie hereinversetzen – was größtenteils an Lauren Olivers Art zu schreiben liegt.

Sams Charakter ist alles andere als liebenswert – sie ist ziemlich oberflächlich, zickig, unverschämt, eingebildet. Kurz gesagt: Ein Mädchen, das an der Spitze der sozialen Rangordnung steht und eigentlich nur von ihresgleichen gemocht wird. Solche Figuren begegnen einem ja öfters in Büchern, doch Lauren Oliver hat Sam sehr gut dargestellt. Ich empfand sie nicht als eindimensionalen Charakter – im Gegenteil, mit dem Voranschreiten des Buchs stellt sich heraus, dass sie vielschichtig ist und ganz und gar nicht so, wie es zunächst scheint. Das gleiche musste ich bei ihren Freundinnen realisieren – noch so ein Punkt, den ich sehr toll fand: Die Zicken der Schule sind nicht durch und durch böse, sondern haben auch ihre Schwachpunkte, ihre liebenswerten Eigenschaften und wirken menschlich. Diese Entwicklung stellt Lauren Oliver in meinen Augen sehr überzeugend da. Durch Erinnerungen oder neuartige Situationen lernt man die Figuren Stück für Stück besser kennen und kann sich einen Eindruck von ihnen machen, ohne dass man das Gefühl hat, die Autorin wolle dem Leser etwas aufdrücken.

Ich fand es jedoch auch schon anfangs sehr interessant aus Sams Perspektive zu lesen. Es ist mal etwas anderes, ein recht ernstes Jugendbuch aus der Sicht solch eines Menschen zu erleben. Wie Sams Leben und das ihrer Mitschüler dargestellt ist, empfand ich ebenfalls als großen Pluspunkt. Es wirkte nicht wie eine seltsame, falsche Vision, die Erwachsene vom Leben heutiger Jugendlicher haben, sondern sehr realistisch.

Obwohl der Handlungsverlauf recht offensichtlich ist, wurde „Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie“ zum echten Pageturner. Stellenweise war ich sehr überrascht von den Situationen.

Aber – und jetzt komm das große aber – leider hat dieses Buch auch seine Schwächen. Zunächst einmal empfand ich den Anfang als zu lang. Die ersten beiden Tage hätte man auch straffen können, denn so zog sich das Buch auf den ersten Seiten und brauchte etwas, bis es dann endlich richtig losging.

Auch in Sams Charakterdarstellung gab es einige Punkte, die ich nicht gut nachvollziehen konnte. Sie wirkt nicht sehr schlau, ist aber auch eigentlich kein komplett naives Mädchen. Deswegen überraschte es mich dann doch, wie spät sie erst bemerkt, dass die Beziehung zu ihrem Freund nicht wirklich auf Liebe basiert. Es gibt noch einige weitere kleine Details, die meiner Meinung nach nicht zu diesem Buch passen, sondern eher ins Klischee eines Mädchens, das plötzlich realisiert, wieviel besser sie alles haben könnte.

Ein weiterer Punkt, der mich genervt hat, waren die Einschübe, in denen der Leser direkt angesprochen wird. Dort wird der Leser auf einige Details aufmerksam gemacht, die sich meiner Ansicht nach schon aus dem Kontext ergeben – und bei denen es überflüssig ist, noch einmal darauf hingewiesen zu werden. Die Geschichte selbst stimmte mich sehr nachdenklich - da ist dieser Moralapostel, der den Leser dazu auffordert, noch einmal genauer darüber nachzudenken, etwas kontraproduktiv. Glücklicherweise kamen diese Stellen aber nicht allzuoft vor, sodass sich darüber hinwegsehen lässt.

Das Konzept eines Tages, der sich stetig wiederholt, ist zwar noch immer nicht mein Fall, doch in diesem Buch zeigt Lauren Oliver, dass auch solch ein Aufbau einer Geschichte sehr gut funktionieren kann.






Entgegen anfänglicher Befürchtungen gefiel mir „Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie“ sehr gut. Durch größtenteils realistische Charakterdarstellung und einen bildhaften, dichten Schreibstil kann das Buch glänzen. Auch das Konzept ist keins, das man schon mehrere Male gelesen hat, und so hat dieses Buch alles, was ein guter (Mädchen-/Teenie-)Schmöker besitzen muss. Dass er auch Tiefgang bietet, ist ein Detail, das mich dazu veranlasst, dieses Buch dringstens weiterzuempfehlen.

Kommentare:

  1. Tolle Rezi :) Ich habe das Buch ebenfalls gefallen und ich fand es sehr gut.
    Mir hat es wie dir auch sehr gut gefallen, dass man verschiedene Eigenschaften der Charaktere zu Gesicht bekommen hat. (Was doch meist in vielen Büchern vernachlässigt wird)

    "Die Landkarte der Zeit" habe ich mir mal überlegt zu kaufen, werde jetzt allerdings lieber die Finger davon lassen. :D

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    1. Oh ja, das wird leider sehr oft vernachlässigt :) Aber zum Glück gibt's immer wieder Ausnahmen.

      So schlecht ist das Buch eigentlich nicht - aber auch lange, lange, lange nicht so gut, wie es gelobt und gepriesen wird.

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  2. Oh, eine tolle Rezension, vielen vielen Dank dafür. Das Buch steht schon ewig ungelesen in meinem Regal und ist gerade auf meiner Leseliste ein bisschen weiter nach oben gewandert. Freut mich sehr, dass es dir gefallen hat, nun ich noch gespannter darauf, es einmal zu lesen (:

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