[Rezension] Beth Revis - Godspeed: Die Reise beginnt

grass-harp | Sonntag, 26. Februar 2012 | / / / / / |






Hardcover | 448 Seiten
Erschienen im August 2011
im Oetinger Verlag
ISBN: 9783791516769
Preis: 19,95 €






Die 17-jährige Amy ist einer der eingefrorenen Passagiere an Bord der "Godspeed". Sie und ihre Eltern sollen am Ende der Reise zu einem neuen Planeten wieder erweckt werden 300 Jahre in der Zukunft. Doch Amys Kühlkasten wird zu früh abgeschaltet. Wollte jemand sie ermorden? Gewaltsam ins Leben zurückgerissen, findet sie sich in einer fremden Welt wieder, in der alle Menschen einem tyrannischen Anführer folgen. Nur einer widersteht: der rebellische Junior, der sich fast magisch angezogen fühlt von Amy. Gemeinsam versuchen die beiden, den schrecklichen Geheimnissen der "Godspeed" auf die Spur zu kommen. Doch kann Amy Junior trauen?




„Godspeed“ machte seine Runde auf diversen Blogs – die positiven Rezensionen und der sehr interessant klingende Klappentext machten es mir unmöglich, einen Bogen um dieses Buch zu machen, als ich es vor kurzem in der Bibliothek sah.

 Die Grundidee des Buchs ist keine, die man schon hunderte Male gelesen hat. Amy und ihre Eltern werden für die Reise auf einen fernen Planeten eingefroren und in dem Bauch eines Raumschiffs verstaut. Dieses muss natürlich auch versorgt werden und so entwickelt sich dort eine sehr seltsame Gesellschaft. Junior, der in wenigen Jahren diese Gesellschaft anführen soll, ist einer der Charaktere aus dessen Sicht man die Geschichte miterlebt. Die andere Figur ist Amy.

Mir hat es sehr gut gefallen, dass die Geschichte aus zwei Perspektiven erzählt wird, denn so bekommt man einmal einen Eindruck, wie ein auf dem Raumschiff geborener Mensch sich verhält und denkt, während man auf der anderen Seite mit Amy den Kontrast miterlebt, der zwischen der echten Welt und der im Raumschiff herrscht. Denn Amy wird zu früh geweckt und muss sich fortan damit zurechtfinden, von Metallwänden eingesperrt ihr weiteres Leben zu verbringen.

Dieses verfrühte Aufwachen und die Andersartigkeit der Menschen im Raumschiff sorgen natürlich für Konflikte. Einerseits suchen Amy und Junior nach dem Unruhestifter, der für das zu frühe Auftauen der Passagiere verantwortlich ist, andererseits haben sich die Menschen im Raumschiff mit den Generationen stark zurückentwickelt, was für Amy kaum verständlich ist. Besonders letzteres gefiel mir sehr gut. Ich empfand es als sehr erschreckend mitzuerleben, wie Isolation eine Gruppe von Menschen beeinflusst. Diese Art von Dystopie erschien mir sehr logisch und wohl überlegt von der Autorin, auch wenn ich einige Details kaum wahrhaben wollte.

Auf der Suche nach dem Unruhestifter stehen Amy und Junior natürlich auch viele Leute im Weg. Durch die Rückentwicklung der Gesellschaft waren das teils sehr eindimensionale Charaktere – was aber an dieser Stelle nicht gestört hat, denn es passt einfach in das Buch hinein. Wo Wert auf Produktivität und nicht Individualität gelegt wird, ist die Entfaltung einer Persönlichkeit logischerweise sehr schwer. Besonders dieser Konflikt zwischen selbstständig denkenden Figuren wie Amy und den eher dümmlichen Raumschiffbewohnern gefiel mir und macht dieses Buch besonders.

Dennoch hatte ich mit „Godspeed“ auch meine Schwierigkeiten. Zum einen war da die Suche nach dem Übeltäter – die in meinen Augen einfach viel zu vorhersehbar ist. Natürlich ist man als Leser manchmal etwas schneller als die Hauptfiguren, wenn man die Geschichte aus mehreren Perspektiven liest. Dennoch ging mir dieser Teil der Handlung auf die Nerven, denn schon auf der Hälfte des Buchs wusste ich, wie es ausgehen würde, trotz aller Spannungselemente, die Beth Revis noch in die Geschichte geworfen hat.

Auch mit den Charakteren wollte ich nicht so richtig warm werden. Aus Amys Sicht las ich noch halbwegs gern, doch Juniors Handeln konnte ich viel zu selten nachvollziehen. Man erfährt zwar, warum er sich nicht ähnlich wie die anderen Bewohner des Raumschiffs verhält und intelligenter ist – dennoch wirkte er auf mich trotz einiger Macken zu aufgeschlossen. Sein Charakter ging in meinen Augen nicht einher mit der Isolation des Raumschiffs. Vor allem sein Verhalten gegenüber Amy und den Wandel, den er innerhalb des Buchs durchlebt, widersprechen der von Beth Revis sonst so gut aufgebauten Mentalität der Raumschiffbevölkerung.

Der größte schwierige Punkt ist in meinen Augen aber das Raumschiff selbst. Obgleich die Idee sehr beeindruckend war, konnte ich es mir in der beschriebenen Form einfach nicht vorstellen. Zu viele Bedenken taten sich mir in Gedanken auf, als ich über die Beschaffenheit und Technik nachdachte. Vielleicht habe ich aber auch zu wenig Fantasie – oder Beth Revis hat es einfach als Mittel benutzt, um die Folgen der Abschottung einer Gesellschaft zu demonstrieren.

Allerdings handelt es sich bei „Godspeed – Die Reise beginnt“ um ein Jugendbuch, weshalb solche kleinen Ungereimtheiten leichter zu verzeihen sind. Das Genre machte sich übrigens auch im Stil bemerkbar – denn der ist recht einfach zu lesen und gänzlich ohne Besonderheiten.
Auch wenn das Ende des Bandes in meinen Augen sehr vorhersehbar war, gab es ein Detail mit dem ich nicht gerechnet hatte – und das mich auf den zweiten Band hinfiebern lässt!




„Godspeed - Die Reise beginnt“ ist ein unterhaltsames Jugendbuch, das besonders durch eine neuartige Idee hervorsticht. Die Charaktere, der Stil und Teile des Handlungsverlaufs bleiben aber leider eher durchschnittlich. Dennoch ist dieses Buch weiterzuempfehlen – besonders an solche, die mal eine andere Dystopie lesen wollen oder auch neu in diesem Genre sind.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen