[Rezension] Paulo Coelho - Aleph

grass-harp | Donnerstag, 19. Januar 2012 | / / / |







Hardcover | 320 Seiten
Erschienen am 3. Januar 2012
im Diogenes Verlag
ISBN: 978-3257068108
Preis: 19,90 €
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„Aleph“ beschreibt einen Abschnitt im Leben des Autors Paulo Coelho. Als er das Gefühl hat, in seinem Leben nicht weiterzukommen und von der Routine aufgefressen zu werden, beschließt er, nach einer ausgiebigen Tour durch Europa, mit der transsibirischen Eisenbahn Russland zu durchqueren. Sein Ziel und Wille ist es, seine Verbindung zum Göttlichen wiederzufinden. Auf der Reise begegnet er jedoch einer ihm zunächst unbekannten Frau, die mit Probleme aus seiner Vergangenheit in seine Gegenwart bringt.



Da Paulo Coelho aktuell einer der weltweit beliebtesten Autoren ist, war es für mich auch irgendwann mal an der Zeit, ein Buch von ihm zu lesen. Ich wollte sehen, was an diesem Hype dran ist und warum er bisher an mir vorbeigegangen ist. „Aleph“ bot da eine gute Gelegenheit, denn die Idee zu diesem Buch – sich selbst wiederzufinden und dafür etwas im Alltag zu verändern – klang in meinen Ohren sehr gut. Auch, dass man im Reinen mit sich selbst und der Welt stehen sollte, finde ich eine schöne Grundlage, auf die man momentan viel zu selten in der Literatur trifft.

Allerdings sind Spiritualität und der starke Glaube an etwas Göttliches, an das Schicksal und an Reinkarnation Dinge, mit denen ich mich schwer identifizieren kann und an die ich nicht glaube. Ich hatte mir erhofft, dass mir das Buch eine etwas andere Sicht darauf geben oder zumindest so geschrieben sein würde, dass es Interpretationsmöglichkeiten bietet. Ich erwartete eine außergewöhnliche Handlung, die, wie es auf dem Cover heißt, mein Leben verändern würde.

Nun ja, mein Leben hat sie leider nicht wirklich verändert, denn die Umsetzung der Idee hat mir nur mäßig gefallen. Paulo Coelho schien mir in seiner Ansicht der Dinge sehr festgefahren. In Gesprächen, die er beispielsweise mit seinen Mitreisenden führt, wird selten über die verschiedenen Ansichten diskutiert. Obwohl sich unter seinen Reisebegleitern ein erfahrener, selbst sehr nachdenklicher Mann befindet, ist es meistens Coelho, der Fragen beantwortet und die Zusammenhänge zwischen Geschehnissen, den Tod und die Liebe zu Gott beschreibt. Auf mich wirkte das sehr dogmatisch, sodass ich kaum noch den Willen hatte, mich mit Coelhos Gedanken auseinanderzusetzen.

Doch hin und wieder liest man auch von Diskussionen oder etwas grober umrissenen Standpunkten, mit denen ich mehr anfangen konnte. Zum Beispiel beschreibt Paulo Coelho das Leben als eine Art Zug – wenn jemand stirbt, wechselt er ins nächste Abteil, wo man ihn nicht mehr sehen kann. Aber man kann noch immer an ihn denken und er ist auch noch immer da. Bestimmte Rituale – die Aikidotechnik beispielsweise – gefielen mir auch sehr gut und waren zudem so beschrieben, dass ich sie mir vorstellen konnte. Leider aber waren diese Stellen sehr selten aufzufinden.

Generell war mir das Buch zu sehr auf die Selbstfindung und das Wiedergutmachen vergangener Fehler konzentriert und hat dabei andere Menschen und Beschreibungen sehr außer acht gelassen. Die Reise durch Russland hatte nur eine geringere Bedeutung – nämlich die, dass man aus bekannten Orten und von einem nahestenden Personen entfernt ist und sich somit mehr auf sich selbst konzentrieren kann. Mit Leuten zu reisen, die einen erst kennenlernen, bietet einem die Möglichkeit, einen anderen Blick auf sich selbst zu erhaschen, doch Coelho schien mir an seiner Persönlichkeit und seiner Wirkung auf andere Menschen wenig interessiert. Das lag aber wohl auch daran, dass die Reisegesellschaft viel zu beeindruckt von Coelho war, um ihn in Frage zu stellen. Die Menschen in diesem Buch (die ja nun wirklich keine fiktiven Charaktere sind) konnten mich demnach nicht beeindrucken und ich empfand ihr Verhältnis zum Autor als sehr flach. Einzig die Geigerin Hilal, die am Anfang der Reise überraschend zu der Gruppe stieß, bot für kurze Zeit etwas Abwechslung. Doch auch sie ist so sehr von Coelho fasziniert, dass das nicht lange anhält.

Schreibtechnisch finde ich dieses Buch ziemlich gut, denn Coelho drückt sich klar aus. Er besitzt keine verschnörkelte Sprache, jedoch auch keinen abgehackten Stil. Dadurch schafft er es, einem auf einfache Art und Weise seine Gedanken verständlich zu machen.
Nur ob man diesen Gedanken zustimmt oder sich damit identifizieren kann, ist eine andere Frage. Auf mich traf das definitiv nicht zu, doch ich denke, dass das sehr stark leserabhängig ist.



„Aleph“ ist ein Buch, das mich nur wenig begeistern konnte. Bis auf ein paar Ansätze blieben mir die Überzeugungen des Autors ziemlich fremd. Weiterempfehlen würde ich es lediglich Lesern, die mit Paulo Coelhos Romanen bereits gute Erfahrungen gemacht haben oder mit Themen wie Wiedergeburt und Schicksal kein Problem haben.



Vielen Dank an Blogg dein Buch und den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar!

Kommentare:

  1. Ist noch lustig, ich mag Coelho meistens, muss aber in der richtigen Stimmung sein. Allerdings hat mich "Aleph" so gar nicht angesprochen, als ich es einmal beinahe gekauft hätte. Falls du noch einmal einen Versuch starten möchtest; Mein Favorit war "Veronika beschliesst zu sterben" oder "Am Ufer des Rio Piedra sass ich und weinte" (Hoffe die Titel sind korrekt, bin gerade zu faul um bis zu meinem Bücherregal zu gehen;))

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    1. Hm, in der richtigen Stimmung muss man wohl schon irgendwie sein. Aber ich hatte echt Lust, dieses Buch zu lesen und war auch so recht offen für Neues - trotzdem hat es mir gar nicht so gut gefallen,
      Danke für die Tipps, werd ich mir mal merken. Bald werde ich es sicherlich nicht probieren, weil ich erstmal noch zu skeptisch bin, aber wenn ich doch noch mal einen Versuch starten will, komm ich wohl darauf zurück...

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  2. Ich habe mir gerade ein paar Rezensionen bei Bloggdeinbuch durchgelesen und bin an deiner hängengeblieben - die ist wirklich gut geschrieben.

    Ich selber habe Coelho früher oft und gern gelesen. Die neueren Bücher sind deutlich schwächer.
    Auch hat man das Gefühl (bzw. ich;), dass Coelho keine Kritik an seinen Standtpunkten zulässt, sondern dass diese für ihn die einzige richtige Sichtweise sind.

    Falls du nochmal einen Versuch wagen möchtest, kann ich dir "Veronika beschließt zu sterben" empfehlen. Das fand ich ganz gut zu lesen und selbst die filmische Umsetzung war in Ordnung.

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    1. Hallo Mandy (: Aw, es freut mich, dass dir die Rezension zusagt und du deshalb hierhergefunden hast :D

      Ja, genau das Gefühl, das du beschreibst, hatte ich das ganze Buch über und das war ziemlich frustrierend. Aber wenn du meinst, dass die früheren Bücher besser sind... Nun ja, ich will sowieso irgendwann noch mal ein anderes von ihm ausprobieren, vielleicht nehm ich dann "Veronika beschließt zu sterben". Erstmal habe ich ja noch "Brida" im Regal stehen, vielleicht ist das besser...
      Danke vielmals für den Tipp!

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